Cyberpunk 2077 – Blick hinter die Kulisse

2015 war so ein Jahr, ein Jahr für Gamer, das man so schnell nicht vergessen wird. GTA 5, Fallout 4 und Witcher 3 – was für ein Countdown. Und vor allem Letzteres war der finale Schritt zum Durchbruch eines der heute größten Spielestudios in Europa. CD Projekt Red, ein polnischer Entwickler, der mit dem dritten Teil der Witcher-Serie endgültig in die Welt-Elite aufgestiegen ist und der 2020 – fünf Jahre nach dem letzten Hit – wieder in Erscheinung trat mit einer Neuerscheinung.

Cyberpunk 2077 – Ein Hype, an dem fast keiner vorbeikam

Cyberpunk 2077 wurde erwartet wie kein anderes Spiel dieses Jahr, ein Wahnsinns-Hype, der sowohl vor dem Release als auch danach seinesgleichen sucht: Erst die ganze Werbung, dann die ganze Kritik. Auch ich hab’s gespielt und finde, das Cyberpunk 2077 das Spielejahr 2020 nicht auf das Niveau von 2015 heben kann. Wäre vielleicht auch etwas zu viel Verantwortung für ein einzelnes Spiel. Aber Vergleiche mit Witcher 3 werden zwangsläufig gezogen, da das Spiel ja selbst mit dem großen Vorgänger kokettiert und was ist eigentlich mit den sehr, sehr hohen Erwartungen der Gamer-Welt?

Cyberpunk 2077 – selten so ein schönes Spiel gesehen

Rezeption von Cyberpunk 2077

Werfen wir zunächst einmal einen Blick zur Seite: Was sagen andere Menschen zu Cyberpunk 2077? Meinungen anderer sind ja heutzutage wichtig wie nie, und sie sind auch präsent wie nie. Aber gut, sie sind Teil des Hypes und sie sind – was Cyberpunk 2077 betrifft – durchaus unterschiedlich:

  • Bei Steam sind über 300.000 Bewertungen „größtenteils positiv“.
  • Bei Gog.com bekommt das Spiel aktuell 3,8 von 5 Sterne
  • Und was sagt die Journaille? Deutschlands führendes Magazin für Games, die Gamestar, hatte dem Spiel zum Release eine sehr starke 91 gegeben, was nur selten vorkommt. Nachdem dem Day-One-Patch wurden aber bereits 3 Punkte und der Platin-Award wieder aberkannt.

Cyberpunk 2077 – Enttäuschte Erwartungen?

Nun ist es aber so, dass das Spiel gefühlt seit einem Jahr vor dem Release schon in den Foren und Fachzeitschriften präsent war. Es wurden Erwartungen geschürt, die anscheinend nicht alle erfüllt oder sogar schwer enttäuscht wurden. Manche Spieler sind argwöhnisch, was die Objektivität der Spiele-Presse angeht. Das wollen wir hier an dieser Stelle mal nicht unterstellen, aber hey, die Spieler können ja auch selbst bewerten – bei Steam, Gog oder in ihren eigenen Blogs 😉 Und was man so liest, ist wohl sicherlich der Querschnitt durch die enttäuschte oder auch begeisterte Fan-Gemeinde, die Cyberpunk 2077 durchaus hat.

Was wird hauptsächlich an CP2077 kritisiert?

Vor allem über Bugs und Glitches wird sich dort beschwert. Autos ploppen auf, Passanten verschwinden, Handys oder Burritos schweben in der Luft. Die Welt von Cyberpunk 2077 – also Night City – sei nicht lebhaft und nicht genug gefüllt mit Möglichkeiten zur Interaktion. Die Stadt, in der Cyberpunk 2077 sich abspielt sei einfach zu sehr Fassade als dass man sie als wirklich Open World im eigentlichen Sinne spielen könnte. Zudem werden zahlreiche Details moniert wie die teilweise nutzlosen Perks, das Loot-System, die dumme KI oder die gewöhnungsbedürftige Kleidung.

Wie habe ich Cyberpunk 2077 erlebt?

Das alles stimmt. Aber schauen wir uns das Ganze doch mal selbst an. Auch ich habe Cyberpunk 2077 direkt zum Release gekauft und mich ins Getümmel von Night City gestürzt. Nein, eigentlich habe ich in den Badlands drum herum angefangen, denn ich habe den Nomaden gewählt, einen von drei Charakteren, die man in Cyberpunk 2077 wählen kann. Ich fand es lustig, ein Member eines Motorrad-Clubs zu sein, das von Björn Schalla synchronisiert wird. Warum? Er ist auch die Stimme von „Jax Teller“ in „Sons of Anarchy“, was ich just bis kurz von dem Release von CP2077 mal wieder durchgeguckt hatte.

Night City sieht atemberaubend aus

Nach einem Prolog im Umland ging es schließlich rein in die Stadt, das, was mich persönlich am Anfang am meisten interessieret hat: Wie sieht Night City aus, wie lebendig fühlt es sich an, wie sehr haut es mich vom Hocker? Und ich muss sagen, nachdem ich die erste Stunde hinter mir hatte und mich endlich frei bewegen konnte, habe ich die zweite Stunde erstmal mit Rumlaufen und Staunen verbracht.

  • Ich starte im Apartment des Protagonisten (er (und übrigens auch sie) heißt V) und wenn ich es verlasse, bin ich im Atrium meines Zuhauses, des Super-Towers 10. Das ist schon sehr atmosphärisch, sowohl optisch als auch akustisch.
  • Unten angekommen eröffnet sich mir, nicht zuletzt auch dank RTX 2070, eine lebendige, geschäftige Welt mit vielen Leuten, fahrenden und fliegenden Fahrzeugen und einer knallbunten, aber auch stimmig-siffigen Stadt.
  • Ich schaue mir die Leute an, gehe durch Gassen, betrachte die vielen Bildschirme überall, sauge die Atmosphäre hier im Startgebiet auf. Viel ‚Wow‘ und ‚Hammer‘ und ‚Sehr cool‘.
  • Auch die Gesichter in Nahaufnahmen und in Gesprächen sind hervorragend gestaltet und animiert.

Das bin ich 🙂 Ich sehe mich aber nur, wenn ich in einen der rar gesäten Spiegel schaue 🙁

Blick hinter die Kulisse von Cyberpunk 2077

Aber jetzt kommt ein kleiner Dämpfer und das, was so viele auch bemängeln. Cyberpunk 2077 ist Night City. Der Rest drumherum interessiert nicht, weil es nur Ödland und Müllhalde ist. Also konzentriert man sich auf die lebendige Stadt. Ja, lebendig ist sie, aber sie ist auch viel gescriptete Fassade:

  • Natürlich sah alles sehr lebendig und eindrucksvoll aus, als ich es das erste Mal betrachtete. Doch es ist eben alles gescriptet und wiederholt sich recht schnell wieder.
  • Die meisten Gebäude sind nicht betretbar und wenn, dann nur in kleinen Bereichen oder Fahrstühle geben vor, welche Etagen man anfahren kann.
  • Die Leute in den Imbissbuden, Restaurants und Läden sind meistens nicht interaktiv, genau wie die meisten anderen NPCs.
  • Hier muss man speziell die Polizei hervorheben: Ich begehe ein Verbrechen (knalle jemanden ab oder überfahre jemanden) und bekomme einen Haftbefehl. Ich fahre 100 Meter um die Ecke und werde nicht mehr gesucht. Kein Wunder, dass in Night City täglich so viele Leute krepieren.
  • Doof finde ich – oder man sagt ja im Soziolekt es stört die „Immersion“ – dass Autos gerade in den Außengebieten am Horizont zu sehen sind, aber bei Annäherung verschwinden.

Das sind die Punkte, die schon recht bald auffallen, wenn sich die erste Begeisterung über die ansonsten echt schöne, stylische Kulisse von Cyberpunk 2077 etwas gelegt hat und man hinter die Kulisse schaut.

Was bei Cyberpunk 2077  am meisten heraussticht

Doch es ist nicht nur Grafik. Cyberpunk 2077 ist auch deswegen bemerkenswert, weil es einfach noch viel mehr bietet. Wenn man also hinter die Kulisse schaut, sieht man auch ein Spiel, das auf mehreren Ebenen funktioniert. Ich kann meine Aufträge in guter, alter Shooter-Manier erledigen, ich kann aber auch elektronische Geräte hacken oder Leute (das auch über den Umweg von Überwachungskameras) oder ich kann in manchen Missionen auch die so genannten Braindances anwenden.

Judy führt und in die faszinierende Welt der Braindances ein

Braindances: Abgefahrene Idee!

Ein Element, das ich gern hervorheben möchte, denn sowas habe ich in 30 Jahren Zocken noch nie gesehen. Es geht im Prinzip um visualisierte Erinnerungen, in die ich eingeschleust werde und in denen ich optische, akustische und thermale Eindrücke wahrnehmen kann. Was in Night City laut Lore in erster Linie zur Befriedigung diverser bzw. perverser Gelüste dient, wird im Spiel sehr eindrucksvoll zur Aufklärung und Lösung der Hauptquest genutzt. Aber leider auch nur da. Mehr „BDs“ gibbet nicht.

Cyberware und Modding – Ich werd‘ zum Cyborg

Ebenfalls cool sind die Elemente, die über das normale Inventar hinausgehen. OK, lassen wir die teilweise gewöhnungsbedürftigen Klamotten und ihre merkwürdigen Rüstungswerte mal außen vor, sehen wir da ja noch den Bereich Cyberware im Inventar. Hier kann ich meinen Charakter mit diversen coolen Extras ausstatten, mit denen er wiederum Gegner hacken kann oder mit denen er sich zum Cyborg umbauen lassen kann. Es ist schon cool, wenn man später im Spiel mit Beinimplantaten Super-Sprünge machen und Granaten aus den Armen schießen kann!

Quests in Cyberpunk 2077

Bei den Quests wiederholt sich das Schema, das auf den ersten Blick eine großartige, AAA-Hauptquest auf der einen Seite steht und abseits davon viel repetetive Massenware auf der anderen. Das heißt, wie auch bei der Grafik ist vordergründig alles wow, aber wenn man sich die Zeit nimmt und das ganze Spiel entdeckt, kann Ernüchterung aufkommen:

  • Die Haupt-Quest ist sehr cool, sie beginnt klein und wird dann schnell immer größer, bis dann auch noch diese Sache mit Keanu Reeves kommt. Die Erzählung ist dramaturgisch echt cool, die Szenen sind kinoreif und am Ende wird’s echt cyber-mäßig abgedreht.
  • Nebenquests: Wie gesagt gibt es aber abseits davon eine Menge Ernüchterung. Ganz am Anfang klingelte alle 10 Sekunden mein Telefon, weil irgendwelche Leute ‚was von mir wollten. Ich soll hier ein Laptop holen, da jemanden befreien, aber im Großen und Ganzen läuft’s immer auf dasselbe hinaus: Fahr da hin, baller‘ die alle ab.
  • Es geht viel um sammeln, grinden und viel zu oft einfach nur um Leute-Abknallen. Was ich ja durchaus gern mache, aber das ist eben nicht alles in einer Open-World. Zumindest machen das andere Spiele viel abwechslungsreicher und auch Witcher 3 hat das viel besser gemacht.

Einordnung von Cyberpunk 2077

Aber warum sollte man Cyberpunk 2077 mit Witcher 3 vergleichen? Beide kommen von CD Projekt Red, beide sind Flaggschiffe des Studios und es gibt einfach viele Parallelen im Genre. Nicht zuletzt sind es ja auch die Spiele selbst, die miteinander flirten. So habe ich etwa zu Beginn meiner zweiten Spielrunde in Cyberpunk 2077 in der Schublade meines Schreibtischs ein Magazin namens Retro-Games gefunden mit Ciri auf dem Cover. Aber Cyberpunk 2077 hat für mich klar verloren im Vergleich mit dem dritten Witcher, und das vor allem, weil alles in Cyberpunk 2077 scheint als hätte man es zu hastig fertiggemacht. Quests, Spielwelt, KI, Items, Loot-System und so weiter und sofort – Das alles sind eben essenzielle Bestandteile eines Spiels, die wichtig sind für ein Spiel und vor allem für die Spieler!

Wie GTA 5 – Nur in der Zukunft

Ich fahre mit dem Auto durch die Stadt, steige aus, ballere ein paar Leute ab, klaue Autos, bekomme Handy-Anrufe von Auftraggebern und fahre darauf hin wieder von B nach A, wo ich dann wieder Leute abballere. Insgesamt dachte ich mit nach ein Paar Stunden Cyberpunk 2077, es ist wie GTA 5 in der Zukunft. Das ist mir zu wenig, zumal mir persönlich die GTA-Reihe seit dem vierten Teil eh nicht mehr gefiel.

Also finde ich Cyberpunk 2077 gut oder schlecht?

Bei Steam ist es so, dass man nur mit einem Daumen hoch oder runter bewerten kann. Ich finde es schwer, so stereotyp zu bewerten und ich bin etwas zwiegespalten:

  • Positiv:
    • Cyberpunk 2077 hat große Alleinstellungsmerkmale, es sieht hammer-mäßig aus, wobei ja mit noch besseren Grafikkarten noch bessere Optik möglich ist.
    • Insgesamt ist die Atmo in dieser Dystopie wirklich sehr stimmig.
    • Die Haupt-Quest ist spektakulär, es gibt viel zu tun in der Stadt, auch wenn es oft ähnliche Aufgaben sind.
    • Insgesamt habe ich bisher gut 50 Stunden in Night City Spaß gehabt.
  •  Negativ:
    • Aber wie hoch ist der Wiederspielwert von Cyberpunk 2077 ? Ich habe es bereits ein zweites Mal angefangen. Aussehen soll ja so wichtig sein in Night City, steht sogar explizit über der Charakter-Erstellung. Und? Es ist komplett egal, wer man ist und wie man aussieht. Keine Reaktion, keine Unterschiede.
    • Mein erster Spiel startete ich als „Jax Teller“, also als Nomade mit Biker-Gang-Historie, mein zweites als Konzern-Dame. Letztere hatte einen noch viel kürzeren und für mich vollkommen belanglosen Prolog und danach ging das Spiel genauso weiter wie bei meinem Nomaden. Ein paar abweichende – und im Übrigen auch irrelevante – Dialogoptionen sind der einzige Unterschied.
    • Mich persönlich hat neben dem Aussehen meiner Charaktere auch den Genotypus nicht so gut gefallen, sprich, wie ich die Werte und Fähigkeiten weiter entwickeln kann. Mein erstes Spiel war bei Level 28 vorbei, da hatte ich überhaupt nicht die Möglichkeit, in irgendeinem Talentbaum bis zu den wirklich hohen, starken Perks zu kommen. Bei vielen von denen erschließt sich mir der Sinn aber auch nicht.
    • Ansonsten kann ich mich vielen negativen Kritiken nur anschließen, und es steht ja auch weiter oben: Durch die Zeitknappheit, die ja kein Geheimnis ist, wurde das Spiel einfach nicht fertig. Es ist kein Schleifchen drum, es wirkt lieblos und am Ende zu schnell abgegeben, wie eine Mathe-Arbeit, bei der ich am Ende noch schnell hier und da ein Paar Ergebnisse hinschreibe, damit ich kein halbleeres Blatt abgebe.

Mein Fazit zu Cyberpunk 2077 – Fans & Investoren kollidieren

Das Spiel wirkt unfertig und stößt damit viele schlichtweg vor den Kopf. Seit 2015 hat CD Projekt Red viele Fans gewonnen – aber auch viele Investoren wahrscheinlich. Dass sich das – zusammen mit einer mehrmals verschobenen Release-Deadline und dem nahenden Weihnachtsgeschäft 2020 – nicht immer gut vereinen lässt, sehen wir jetzt. Viele Spieler sind unzufrieden, finden sich vielleicht mit dem ab, was Cyberpunk 2077 jetzt ist. Viele meinen, dass man Cyberpunk 2077 erst nach einem Jahr und vielen Patches spielen kann, viele sind auch bitter enttäuscht, für ein so unfertiges Werk 60€ hingeblättert zu haben.

Und was meine ich? Insgesamt tendiert der Daumen leicht nach unten. 3 von 5, 70 von 100 – nennen wir es wie wir wollen. Wenn ich meine Begeisterungskurve malen sollte, ging sie am Anfang steil hoch, fiel dann aber kontinuierlich ab, nachdem ich alles gesehen hatte. Die Hauptquest und das Rumfahren in der Stadt haben mich bei Laune gehalten, aber das zweite Spiel mit der Konzern-V habe ich dann nur noch angefangen, um zu sehen, welche Unterschiede es gibt. Nicht, weil ich es dringend nochmal spielen wollte.

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