Mein Horror-Wochenende

Es war an einem der vergangenen Sonntage: Kleve am Niederrhein. Regen. Verkaufsoffener Sonntag. Ich saß im Auto meiner Mutter, mit einem Hauch von Tobsuchtanfall und einigen grundlegenden Fragen im Kopf. Ich war erledigt, überfordert, auf. Wie es dazu kam: Ich hatte ein Horror-Wochenende erster Güteklasse und Schuld daran hatten Autos.

Für die meisten Menschen ist Freitag der 13. ein Tag des Unglücks, viele denken, das sei Aberglaube, aber ich glaube es nicht, ich weiß es. Denn für mich war nicht Freitag, der 13.11.2015 ein Ungkückstag. Ich hatte gleich zwei Unglückstage, 15, bzw. 16 Tage später. Erst jetzt hat meine arme geschundene Seele die Kraft wiedergefunden, über die Erfahrungen dieses Horror-Wochenendes zu sinnieren. Also los, und ich freue mich über jede Runde Mitleid, die ich nachträglich bekomme!

No U-Turn: Niederrhein

Kennen Sie diesen herausragenden Film mit Sean Penn?

Hier kommt Teil 2. Nur leider ohne die Liebschaften…

Ich war auf dem Weg an den Niederrhein, um die Eltern zu besuchen, schon auf dem Hinweg meldete sich die Batteriewarnleuchte auf dem Armaturenbrett meines Autos. Es ist ein altes Auto, dachte ich, es ist ein Auto, dass ich eine gute Woche vorher für stolze 1.000€ hatte durch den TÜV bringen lassen, dachte ich. Das Lämpchen wird wieder ausgehen, dachte ich. Und das Lämpchen ging wieder aus.

Einige Stunden später fuhren die Eltern nach Wuppertal und auch ich trat die Rückreise an. Ich folgte den sanft kurvigen Landstraßen durch die Weiler im Klever Kreis und freute mich auf einen ereignislosen Samstagnachmittag. Doch zwischen den Städtchen Wissel und Uedem, irgendwo nach einem der Kreisverkehre, die hier zum Straßen-Landschaftsbild einfach dazugehören, hatte mein Auto plötzlich alle Lampen an.

Blinken, piepsen, stottern – das konnte nicht sein! Aber es war!! Ich rief meinen Mechaniker in Düsseldorf an, das musste er doch letzte Woche für die 1.000€ mitrepariert haben! Nein, das sei vermutlich die Lichtmaschine, vielleicht auch der Keilriemen, sowas sehe man nicht während einer TÜV-Prüfung. Wenig überzeugt und ein wenig skeptisch legte ich auf und stellte mein Auto in die Einfahrt eines Feldweges. Aus. Geht nicht mehr an. Kein Muchs.

Hier bin ich liegengeblieben —->

Ist hier nicht auch Blairwitch Project gedreht worden???

Also ADAC rufen: „Es kann bis zu zwei Stunden dauern.“, und keine Minute eher war der gelbe Engel da. Und natürlich konnte er auch nicht vor Ort helfen, denn es war tatsächlich die Lichtmaschine und tatsächlich, so bestätigte er mir auf meine Nachfrage, hätte man das bei einer TÜV-Prüfung nicht sehen können. Er fuhr wieder, unverrichteter Dinge, naja, einen Abschlepper hatte er gerufen.

So musste ich, der ich bereits zwei Stunden auf dem Feldweg in Birkenstocks auf und ab gewandert war, der ich mit mir, meinem Auto und dem 28.11. gehadert hatte und der ich nun von winterlicher, kalter Dunkelheit umgeben war, eine weitere („bis zu einer“) Stunde warten. Ich stellte mir in diesen gut 180 Minuten wenigstens ebenso oft die Fragen ‚Warum immer ich?‘ und ‚Warum eigentlich schon wieder mein Sch***-Auto?!?‘.

Endlich mal wieder abgeschleppt werden

Mein Auto antwortete mir natürlich nicht, es stand nur da, blinkte und wartete auf den Abschlepper. Der kam dann – auch keine Minute zu früh – und hatte Spaß am Leben. Während er das Auto anhängte, wärmte ich mich in seiner verqualmten Fahrgastzelle auf, in der es keinen Gurt gab, aber dafür Rauch-Pflicht! „Aber nach Emmerich kann ich Dich nicht schleppen, nur nach…“ den Ortsnamen hab‘ ich bereits wieder vergessen.

Ein großes, gelb blinkendes Taxi mit Abschleppvorrichtung von Zwischen-Wissel-und-Uedem kostet 85€. Ist gar nicht mal so schlecht, wenn ich alleine in einer Taxe diese Strecke fahre, kostet das immerhin wenigstens die Hälfte. Also unterwegs mit dem blinkenden Gespann vor der nächsten Kreissparkasse angehalten und Geld abgehoben. 85€, plus Abhebegebühr von 4,90€.

Why does it always rain on me?

In Emmerich angekommen und nach einigen aufmunternden Gesprächen mit dem Schalke-hassenden Fahrer, der zu einigen Selbstauslegungen der Straßenverkehrsordnung neigte, stand mein Auto – seit Jahren liebevoll „Quatsch“ genannt – auf dem Hof der Werkstatt. Jetzt erstmal schön ins Taxi und dann zurück ins verwaiste Elternhaus. Denkste, Netzfehler, Taxi zu Fuß suchen.

Nicht, dass ich nun bereits drei Stunden auf dem Feld der Albträume und eine Stunde im Abschlepper unterwegs gewesen war. Nein, jetzt musste ich – immer noch in Birkenstock-Schlappen – durch den dunklen Regen, um ein Taxi zu finden. Am Bahnhof: kein Taxi, am Markt in der Stadt: kein Taxi, am zweiten Markt in der Stadt: kein Taxi, wieder eine Stunde rum, Füße nass, warum immer ich? Letztendlich rief ich mir ein Taxi durch die Sprechanlage an der Taxizentrale. 12€ Taxi-Kosten.

Ich dachte an dieses Lied:

Über 4 1/2 Stunden waren vergangen, seitdem Quatsch den Geist aufgegeben hatte, jetzt hatte ich Hunger. Sollte ich in Mutters Auto steigen und zu McDoof fahren? Nein, hinterher geht das auch noch aus 😀 Also bestellte ich eine Pizza. Die kam nach 70 Minuten, kalt. Klar. Trotzdem 10€.
Alles in allem hatte ich die ganzen Strapazen eigentlich noch gut weggesteckt, aber so richtig glücklich wurde ich an dem Abend irgendwie nicht mehr.

Ich konnte immerhin froh sein, dass am morgigen Sonntag verkaufsoffener Sonntag im benachbarten Kleve war, denn somit konnte ich mir beim Discounter wenigstens Klamotten kaufen, damit ich etwas zum Anziehen für die Arbeit am Montag hatte. Also ging ich schlafen und hakte meinen persönlichen Freitag den 13. mit einem langen Seufzer ab.

Sonntag der 29.11.

Gut ausgeschlafen stand ich auf, frühstückte und machte mich alsdann gegen Mittag auf, um in Kleve ganz feine Klamotten zu kaufen. In der Oberstadt war ein Trödelmarkt, da fand ich tolle Unterbuchsen für 1€ das Stück. Schnäppchen!
Aber die gefielen mir dann doch nicht mehr so gut, als ich sie mir näher betrachtete und sie im leichten Regen bereits anfingen sich aufzulösen. So wartete ich bis 14h, um beim Discounter noch welche zu kaufen und zwei schöne üni-schwarze T-Shirts mit dazu – dem Arbeitstag stand jetzt nichts mehr im Wege.

Doch: Das Auto meiner Mutter, denn das stand, sprang nicht mehr an! Ich steckte wieder und wieder den Zündschlüssel ein, drehte, drückte, schraubte – bei so fremden Autos weiß man ja nie, welche Tricks man da anwenden muss, damit die angehen…oder bremsen. Doch er ging nicht an, auch der nicht, wieder nicht, wieder ich! Am Telefon versaute ich meiner Mutter erstmal die Laune (sorry Mama), aber das war mir in dem Moment vollkommen egal, denn meine Laune wollte sie jetzt gerade bestimmt noch weniger haben.

Auf die Motivationsmechanismen kommt es manchmal an

Wieder stand ich da, im Regen am Niederrhein, in einem Auto, das nicht ansprang. Wieder war ich in der Warteschleife des ADAC, wieder wartete ich in Birkenstocks, im Regen, in übelster Laune. Aber immerhin war ich diesmal nicht auf einem hundselenden, gottverlassenen Feldweg, sondern auf einem Parkplatz inmitten eines Outlet-Centers. Und da war auch ein duftender Burger-Laden, bei dem ich mir erst einmal Mittagessen orderte – 4,59€.

Diesmal war ich hier liegengeblieben —->

Es gab weitere Unterschiede zum Tag davor: Ich sollte nicht den ADAC kommen und das Auto abschleppen lassen. ‚Wir regeln das morgen selbst‘, hieß die Order der Autobesitzerin. Also wurde ich von einer Freundin der Familie aus Emmerich abgeholt, der ich natürlich sofort mein ganzes Leid auftischte. Sie tischte mir ihres auf, 1:0 für sie. So schlecht ging’s mir also doch nicht? War es einfach nur unglaublich?
Zurück im noch immer verwaisten Elternhaus, lieh ich mir ein paar Wanderschuhe aus dem begehbaren Kleiderschrank – die Korksohlen meiner Birkis hatten sich mittlerweile mit Regen vollgesogen -, dann machte mich auf den Weg zum Bahnhof – wieder Taxi, 12€.

Fahr Zug, und gib Deiner Seele Zeit zum Mitreisen

Ich brauchte einen Zug nach Düsseldorf, weil ich meine Sachen für die Arbeit dort hatte und auch nicht am Morgen vor der Arbeit die Zugstrecke hinter mich bringen wollte. Eigentlich sollte ich mit dem Auto meiner Mutter zur Arbeit fahren, aber das stand ja jetzt auf dem Parkplatz am Outlet-Center in Kleve und fuhr mich nirgendwo mehr hin. Also Zug fahren 21,60€.

Schließlich, um 19h abends, nach 2 1/2 Stunden Zugreise, kam ich in Düsseldorf an. Ich dachte, da ich gerade unterwegs bin und eh so viel Spaß habe, fahr ich gleich wieder weiter nach Essen zu meinem Kumpel, damit ich morgen nicht so einen weiten Weg zur Arbeit habe. Also Sachen gepackt und mit dem Zug nach Essen – 17,80€.

Gut 600€ für Quatsch

Zwei Tage später erhielt ich die Nachricht aus der Werkstatt: 400€ Reparaturkosten. Also fuhr ich am Mittwochabend nach der Arbeit mal wieder mit dem Zug nach Emmerich. 22,80€. Mit Quatsch habe ich einmal kurz geschimpft, doch nach einer Weile dachte ich, er ist halt auch schon alt und gebrechlich.
Also denkt daran, Ihr Leute: Es geht nicht um den Freitag, den 13., regnen kann es jeden Tag. Amen!

Epilog: Wie ich an jedem Mittwochabend von meiner Mutter erfuhr, hatte ihr Auto „das wohl schon mal gemacht“, also einfach mal so nicht anzuspringen. Zweimal hatte es das bisher gemacht, sie hat das Auto seit 8 Jahren. Aber als ich das aller. erste. Mal. damit gefahren war, machte das Auto das zum dritten Mal. Was will man machen, es war halt Sonntag, der 29.

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