Neue Sprach-Neurosen braucht das Land 2020

Wow, jetzt ist es tatsächlich schon über drei Jahre her, dass ich mich zuletzt hier über Sprach-Neurosen der Anderen ausgelassen habe! Dabei ist Sprache ja so wahnsinnig dynamisch, da müsste es doch eigentlich alle Nase lang genug Futter für solche gehässigen Artikel geben, oder? Naja, deswegen sammle ich ja auch und werde gleich drei sprachliche Säue durchs Dorf treiben.

Schuld sein / Schuld haben

Zum Glück habe ich die falsche Version des ersten Beispiels an den Anfang der Headline geschrieben, so muss ich mir wenigstens keine Gedanken machen, wie ich das Schreibweisen-Dilemma löse. Denn Schuld sein, was ja viele sagen und auch so schreiben, ist falsch, wird aber in seiner falschen Anwendung oft auch noch falsch-falscher geschrieben. Denn entweder ist man schuldig oder man hat Schuld. Man ist aber nicht schuld und schon gar nicht Schuld! Sogar der Duden hat sich davon schon anstecken lassen. Schuld wird hier einfach in eine ganz andere Wortklasse gepresst, wo sie sich gar nicht wohlfühlt. Und Ihr habt Schuld!

Bilateral

Für das erste Beispiel gilt es gar nicht mal so sehr, aber viele der nervigsten Sprachneurosen kommen direkt aus dem Business-Life – oder sagen wir aus einem Soziolekt. Der scheint irgendwie so fancy, dass man unbedingt sagen muss, das man bei jemandem ist, wenn man seiner Meinung ist. Bilateral ist auch so ein Ding. Ich höre es bisher nur aus geschäftlichen Kreisen oder auf meinem Lieblingssender, WDR5. Die Nutzer (ja, und natürlich auch die Nutzerinnen) haben bilaterale Gespräche geführt oder sorgen sich um die bilateralen Verhältnisse zwischen Deutschland und den USA. Es ist irgendwie so schicki-micki-Nase-hoch-frag-mich-doch-wenn-du-wissen-willst-was-es-heißt, aber eigentlich heißt es nur beidseitig. Wer also ein bilateriales Gespräch führt, führt einen Dialog – Ist doch auch n nettes Fremdwort.

Safe, Digger

Hach ja, was soll’s, ich muss ja nicht hinhören 🙂 Dann müssen die Menschen halt monolateral sprechen…ohne mich, in dem Fall.
Das mir sympathischste „Neuröschen“ ist ein Pärchen aus dem Jugendslang. Oh je, hoffentlich darf ich mich da überhaupt einmischen in meinem Alter. Apropos: Aus Alter wurde Digger und aus ’sicher, Digger‘ wurde ’safe, Digger‘. Digger aus dem Norddeutschen und safe offenkundig aus dem Englischen, aber nicht wirklich entlehnt, sondern entfremdet eher. Denn was unsere hippen Millenials safe finden, finden englischsprachige Pendants eher sure. „Liebse misch?“ – „Ja, safe, Digger!“
Bilaterale Liebe. Sind sie nicht süß? 🙂

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