Printmagazine, die online gehen

Als Schuljunge hatte ich das Micky Maus Magazin abonniert. Danach war es der Kicker, dann der Spiegel und die Gamestar. Alles tolle Printerzeugnisse, die jetzt den Online-Trend, bzw. -Zwang mitmachen müssen. Sie müssen es genau so machen wie auch die ganzen anderen (ehemaligen) Printmagazine, die ich nicht abonniert hatte. Aber vor allem bei meinen alten gedruckten Weggefährten fällt mir schon die Fratze des Online-Magazins auf. Außer bei Micky Maus 🙂

Online-Magazin – Oh shit, da mach‘ ich mit

Es war einmal vor 20 Jahren, da kauften wir unsere Nachrichten, Comics oder Computerspiel-Tests noch am Kiosk, an der Tanke oder sie kamen eben als Abo bequem in den Briefkasten. Aber es geht ja noch viel bequemer! Denn dann entwickelte sich das Internet unter anderem zum stets griffbereiten Informationsmedium und begründete damit ganz nebenbei das Informationszeitalter.

Print geht tot

Hui, wie toll, und ich bin dabei und der Spiegel auch und der Kicker und die Gamestar. Sie alle merkten, das Print tot geht, und so machten sie sich auf in die schnelle, virtuelle Medienwelt, und dort verwandeln sie sich seit jeher immer weiter. Sie schreiben zu viel, sie schreiben Irrelevantes, sie schreiben vollkommen Absurdes.
Aber was sollten sie tun, die Noch-Zeitungen? Keiner will mehr an den Kiosk gehen, um die News zu lesen, und weißte was? Die News sind ja auch schon längst da.

Schlechte Nachrichten für Internet-User

Beispiel Der Spiegel – eines der Schlachtrösser im Springer-Verlag und ein ehrwürdiges noch dazu. Wenn das Blatt irgendwie den Online-Zwang verpennt oder das Schlachtross aus alter Tradition gegen die Online-Geherei bockt: Wer würde es vermissen? Heute reiten alle auf der News-Welle, ich kann die News ja schon bei GMX lesen. Also muss der Spiegel mitmachen, und er muss sogar besser sein als die anderen, also nicht nur aufgekochte Nachrichten in automatisch gefüllten Modulen hinklatschen, wie bei dem Email-Anbietern, sondern er muss ein Nachrichtenmagazin sein. Online zwar, aber Nachrichtenmagazin, das sage ich, weil mit dem „Online“ m.M.n, ein Qualitätsverlust einhergeht. Aber Der Spiegel muss auch der Spiegel bleiben, denn ich hatte mich damals schon bewusst für den Spiegel entschieden und gegen den Stern und sowieso gegen den FOCUS.

Ist das noch Online-Journalismus?

Letzterer ist mir auch heute – sagen wir mal 10 Jahre später – immer noch zuwider, obwohl sich alle diese ehemaligen Printmagazine im Netz verändert haben. Wie auch schon als Printvariante schafft es der FOCUS auch als Online-Zeitung, dass ich hin nicht mag. Da geht es jetzt nicht mehr um ‚Fakten‘ und schon gar nicht um ‚an die Leser denken‘. Der FOCUS mausert sich zum Ratgeberportal, das überall seine Finger mit drin hat, um Traffic für seine Online-Werbung zu erzeugen. Nix Fakten, nix an die Leser denken: Bei gefühlt jedem Thema, dass auch nur annähernd interessantes Suchvolumen hat, findet man mittlerweile den FOCUS ziemlich weit oben in den Suchergebnissen. Ist auch ne Strategie, aber kaum noch Journalismus.

Konkurrenz von allen Seiten

Sie brauchen die breite Masse = Sie brauchen Traffic =

Sie brauchen Werbung

Ziel 1 ist es also für die Online-Magazine, sich über Traffic attraktiv für Werbung zu machen und sich über die Werbung zu finanzieren – Extrembeispiel: kicker.de, voll-gepflastert mit Werbeflächen an allen Ecken, dabei aber gleichzeitig ziemlich mau in Sachen Aktualität.
Ziel 2 ist es, sich gegen all die anderen Informationsquellen durchzusetzen. Hier haben SPON, Gamestar und Co. es aber nicht mehr nur – wie zu guten alten Kioskzeiten – mit anderen Magazinen zu tun, die daneben im Regal liegen. Das Regal heißt jetzt Suchmaschine, und da tummeln sich noch ganz andere Konkurrenten, wie neue Online-Magazine, Blogs, Ratgeberportale.

Inhaltliche Qualität leidet unter Quantitäts-Zwang

Und  Ziel 3 ist es, eine breitere Masse zu erreichen. Die alten Journalismus-Haudegen müssen täglich neuen Inhalt zu gebähren, es werden Themenbereiche erweitert und bis zum thematischen Zerreißen aufgebläht. Oder man schreibt über Sachen, über die die alten Journalismus-Haudegen früher nur die Nase gerümpft hätten. Inhalte müssen für die breite Masse zurecht-gemampft und vor-verdaut werden, damit auch der DAU sie versteht anstatt negative User-Signale zu senden.

Die neue Online-Journalisten sehen das alles nicht so eng:

  1. SPON schreibt jetzt auch über witzige Ideen, die Schüler haben, um in ihren Klausuren zu schummeln, oder
  2. Gamestar ist jetzt auch Game-of-Thrones-Star, wo jede Woche über die neueste Folge gespoilert wird.
  3. Der FOCUS verdingt sich wie gesagt als Ratgeberportal und driftet gleich komplett aus dem Nachrichtenthema ab.

Nur drei Beispiele dafür, wie krampfhaft man in den Online-Redaktionen nach Lösungen für die Traffic-Vorgaben der Chef-Etage sucht. Dass das krampfhaft ist, merken nicht nur die alten Leser, sondern auch die neuen, denen man in Sachen Clickbait und Informations-Recycling auch nix mehr vormachen kann, wie zum Beispiel einige Kommentare unter diesem Gamestar-Artikel zeigen. Letztendlich will kein Leser enttäuschte Erwartungen, aufgewärmten Content, sondern informative Texte.

Alternativen für den Online-Journalismus?

Ich merk’s ja selbst hier im Blog: Es ist einfach schwer, jeden Tag 20 neue Themen zu finden. Ich schaffe es ja oft genug, noch nicht mal alle 20 Tage ein neues Thema zu finden. Andererseits sitzen bei den ehemaligen Zeitungen echte Profi-Redakteure, die den ganzen Tag nichts anderes tun. Sie sind getrieben von ihren Vorgaben, müssen ihre Website ständig mit Content befüllen, weil das die Suchmaschine heißlaufen lässt und man so die Konkurrenz abhängen kann.

Alternativen für den Leser / User

Dass dabei immer mehr Themenbreite erschlossen werden oder auch mal das eine oder andere Thema mehrmals durchgekaut werden muss, ist wohl klar. Aber wenn man – so wie ich noch immer – regelmäßig, ja mehrmals täglich, diese Seiten besucht, aus alter Verbundeheit, fällt die Masche schon auf. Und zwar nicht gut. Daher muss auch ich als Leser mich breiter aufstellen und andere Informationsquellen erschließen. Ich bin halt kein Spiegel-Leser mehr, der mehr weiß, ich bin ein User, aber ich weiß, dass ich binnen Sekunden zu taz.de oder faz.de oder nzz.de gehen und die lesen kann. Dafür hätte ich früher mühsam zum Kiosk gehen müssen – die guten alten Zeiten…

 

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