Relegation Level 1000: Englische 2. Liga

Die Premier League in England ist zur Zeit die reichste und auch begehrteste Liga in Europa. Alle Spieler wollen hin, alle Vereine natürlich am liebsten auch. Doch es gibt nur 20 Plätze, und um den letzten freien davon ging es gestern in den Play-Offs der Championship, der zweiten englischen Liga. Nach einer Mammut-Saison spielten Huddersfield Town und der FC Reading nicht nur um die Kröung einer langen, langen Saison, sondern auch um 200 Millionen Euro. Am Ende entschied mal wieder ein Deutscher im Elfmeterschießen…

Was sagt Schweini dazu?

„Wenn Du diese 40 Meter bis zum Elfmeterpunkt entlang gehst, da brauchst Du schon Eier.“ So oder so ähnlich beschrieb Bastian Schweinsteiger das Gefühl. Das Gefühl, zu einem Elfmeter anzulaufen, bei dem es um alles geht, um die Früchte einer langen, kräftezehrenden Saison, um viele Millionen Euro.

Der lange Marsch durch die Marathon-Liga

Viele Millionen Euro? Kräftezehrende Saison? Darum ging es heute um ca. 17:45h auch, als Chrsitopher Schindler sich auf den Weg machte. Er beschritt den heiligen Rasen des Londoner Wembley Stadions, 40 Meter zwischen ihm und der Geschichte. Aber beginnen wir am 05.08.2016 – damals begann die Saison der Championship, der 2. englischen Liga, Huddersfield gewann sein erstes Spiel mit 2:1 gegen Brentfort. 45 Spiele sollten noch folgen, um letztlich Fünfter zu werden. Es ist eine Marathon-Liga mit sage und schreibe 24 Mannschaften – das sind nochmal 4 mehr als in der Premier League und 6 mehr als in der Bundes-League. In der Championship spielt man 46 Spiele, bevor die reguläre Saision zuende ist, aber für die, die dann nicht zweiter oder erster sind, beginnt die Prüfung jetzt erst so richtig.

Relegation – Pah, wir machen Playoffs

Auch in Deutschland wurde vor ein paar Jahren die Relegation vor ein paar Jahren wieder eingeführt, weil sie ja so geil fürs TV ist. Das können die Engländer schon längst viel besser: Sie ermitteln den dritten Aufsteiger nicht in zwei Spielen, nein, in zwei Endrunden eines Playoffs! Dabei treten die Plätze 3 – 6 gegeneinander an, Platz 3 gegen Platz 6, Platz 4 gegen Platz 5. Und bitte. Nachdem also 46 Ligaspiele (plus Pokale) hinter den Teams liegen, kommt am Ende einer Mammut-Saison das eigentliche Highlight: Der Kampf um das letzte Ticket für die Premier League.

Spannung und Verzweiflung

Und da geht es um eine ganze Menge! Spannender kann es für die neutralen Zuschauer gar nicht sein, nicht nervenaufreibender für die Fans der Mannschaften und wohl auch nicht bitterer für die, die letztendlich die Chance doch nicht nutzen können. Gegen den eigentlichen Dritten hat es am Ende der Tabellenfünfte im Finale der Championship Playoffs geschafft, und auch dieses Finale ging so lange, wie es eben gehen konnte. Die Mannschaften von Huddersfield und Reading schenkten sich nichts, es war ein ausgeglichenes Spiel, die Kommentatoren sprachen von zwei gleichen Mannschaften und da schien ‚was dran zu sein.

Saison ohne Ende auch im Finale

Huddersfield und Reading egalisierten sich gegenseitig in Einsatz und Kampf und das über die längstmögliche Spieldistanz. Als hätten sie alle noch nicht genug von der Championship Saison 2016/17, gingen sie über 90. Minuten, nach denen es noch nie ein 0:0 im Playoff-Finale gegeben hatte. Sie gingen über 120 Minuten, immer noch 0:0, also musste die Lotterie entscheiden.

Lotterie um 200 Millionen Euro

Lotterie, so nennt man im Fußball-Jargon das Elfmerterschießen gerne, aber diesmal passte es auch tatsächlich, denn so ein Preisgeld gibt es auch hier im Samstags-Lotto nicht oft: 200 Millionen winkten dem Sieger, dem, der in die Premier League aufsteigen würde. Was für ein Druck jetzt, am Ende auf die Elfmeterschützen. Klar, sie wollen in erster Linie alle nur aufsteigen, aber wenn Du drüber nachdenkst, wie viel an Deinem Elfmeter so dranhängen kann… dann brauchst Du eben die „Schweini-Eier“. Drei Schützen vom FC Reading hatten die und drei von Huddersfield. Sein Torhüter Ward hatte den vierten Reading-Elfer gehalten, sodass Kevin Schindler jetzt anlief. Er konnte die Saison endlich zu einem guten Ende zu führen, das Finale zu gewinnen, die 200 Mio. Euro für seinen Klub sichern und nebenbei noch der historische Held von Huddersfield werden.

Nerven aus Drahtseilen

45.000 Fans aus Huddersfield waren im Wembley-Stadion, also ein Drittel der ganzen Stadt war sozusagen mitgekommen. Ihre Herzen hatte Kevin Schindler in der Hand, aber natürlich noch viel mehr, er konnte die Früchte der zurückliegenden Mammut-Saison einholen und, ach ja, auch noch dafür sorgen, dass sein Verein ca. 200 Mio Euro Antrittsprämie für die Premier League einstreicht. Da brauchst Du keine Eier, da brauchst Du Nerven aus Drahtseilen. Und er hat sie wohl: Es war ein Deutscher, der in England für die Entscheidung per Elfmeter sorgte.

England – Mutterland der Fußball-Sensationen

Und er sorgte auch für eine weitere Fußball-Sensation im Mutterland des Fußballs. Denken wir an den kürzlich erst abgelösten Überraschungs-Meister Leicester oder an einen der anderen Aufsteiger, Brighton & Hove Albion. Letzterer ist eine ebenso große Aufstiegsüberraschung dieser Saison, aber alle zusammen zeigen, dass bei allem Geld, was in den englischen Profifußball fließt, immer noch große Überraschungen möglich sind. Das gibt Grund zur Hoffung, dass die englischen Ligen nach wie vor abwechslungsreich und so spannend bleiben, wie sie es immer waren.

Huddersfield auch eine deutsche Erfolgsgeschichte

Schön ist auch, dass es in Huddersfield eine deutsche Enklave gibt. Gleich mehrere aus den deutschen Profiligen hat es ins beschauliche West Yorkshire gezogen, einige davon kennt man vielleicht nicht, von den anderen hat man vielleicht schon mal gehört, wie zum Beispiel Elias Kachunga (Leihe aus Ingolstadt), Chris Löwe (kam aus Kaiserslautern) oder Michael Hefele (Dynamo Dresden). Die vielleicht größte Unbekannte aber auch der wirkliche Macher hinter der Sensation ist der deutsch-amerikanische Trainer David Wagner. Der gebürtige Frankfurter war zuvor 4 Jahre lang Jugendtrainer beim BVB (Olé, olé :)) und sollte im Winter bereits nach Wolfsburg gelotst werden – dort, wo man gestern mit Hängen und Würgen den Klassenerhalt geschafft hat.

Kloppos Kumpel schafft „Wagner-Revolution“

Der Flirt blieb aber einseitig und verständlicherweise blieb Wagner in Huddersfield und arbeitete weiter an der „Wagner-Revolution“, wie die englische Presse das Ganze seinerzeit nannte. Wagner ist jetzt ein Premier-League-Trainer, wird Mini-Klopp genannt. Tatsächlich werden die Trainer-Freunde sich jetzt bald auch geschäftlich wenigstens zweimal sehen, einmal in Huddersfield, einmal im 60 Meilen entfernten Liverpool. Dazwischen liegt Manchester, wo ebenfalls zwei Großkaliber der Premier-Leauge auf die Mannschaft von Huddersfield warten.

Mini-Etat in der Liga der Superlative

Dazu kommen noch dicke Brocken aus Hauptstadt wie Meister Chelsea, Torfabrik Tottenham oder Arsenal, alles etablierte Größen der Premier-League sowie des Weltfußballs, die teilweise das 20-fache an Budget pro Saision ausgeben. Hudderfields Mannschaft ist laut tranfermarkt.de aktuell knapp 25 Millionen Euro wert. Damit liegen sie schon in der zweiten Liga nur im Mittelfeld. Allein Paul Pogba von Mancherster United ist mehr als dreimal so viel wert. So gesehen ist Huddersfield mit seinen deutschen Zweitliga-Recken sogar gegenüber dem anderen Überraschungs-Aufsteiger Hove & Albion die größere Überraschung. Aber gut, jetzt gibt’s ja erstmal 200 Mio. Euro, die kann investieren, und wenn man den Klassenerhalt schafft, kommen je nach Platzierung wieder 150 Mio. dazu, und selbst wenn man absteigt, sieht die der englische Fußballverband FA einen großzügigen finanziellen Rettungsschirm vor. Viel wert war der Sieg gestern also in jedem Fall. Aber rein musste Kevin Schindlers Elfer trotzdem erstmal. Glückwunsch zur Wagner-Revolution und zu so vielen Eiern!

Dieser Beitrag wurde unter Fußball Texter veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.