Selbstständig, nicht selbständig, Teil 2

Paukenschlag: Phonologie verstümmelt Wort – Ich habe das Gefühl, ich muss es mal wieder sagen, denn die falsche Schreibweise hat sich einfach verselbstständigt und es geht munter weiter mit der falschen Schreibweise. Eine Schreibweise, die daher kommt, dass man ja selbstständig selbständig ausspricht, so jedenfalls eine Argumentation, die ich dazu mal gefunden habe.

Weil es so ausgesprochen wird(?)

Das ist falsch. Das Wort ist nicht nur falsch, die Argumentation oder Begründung für die Schreibweise auch. Warum selbständig falsch aus sparchwissenschaftlichen Gründen ist, habe ich hier schon aufgeführt. Jetzt untermauere ich meine Gegenargumentation mit Gegenbeispielen.

Herdentrieb verselbst(st)ändigt

Dazu zunächst einmal kurz dazu, warum manche Leute glauben, dass es selbständig heißt. Für mich ist es nicht so einfach, das zweite st beim Schreiben wegzulassen, weil ich dazu selbstständig falsch schreiben muss. Für manche Leute ist es das nicht, denn sie haben irgendwo gehört oder von irgendwem gelesen, dass man jetzt selbständig schreibt. Jetzt. Was ist jetzt? Was hat sich an dem Lexem geändert? Genauso, wie man jetzt anscheinend sagt „erinnern Sie diese Zeiten noch?“ – erinnern ist also jetzt nicht mehr reflexiv!?! Es ist also Herdentrieb, denn andere schreiben auch selbständig falsch, dann muss es ja richtig sein. Aber wie ich schon meinem Sohn beizubringen versuche:

Nicht alles, was alle machen, ist auch richtig.

Siehe dazu auch Diese Sprachfehler macht jeder (fast)

Unselbstständige Unwissenheit

Und wie sagte schon ein anderer großer Denker: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Unwissenheit – so muss ich es leider sagen – ist der zweite Grund für „Selbständigkeit“. Denn wer weiß, warum „selbständig“ falsch ist, wird es natürlich auch besseren Wissens nicht so schreiben, sondern es richtig schreiben: selbstständig. Aber wenn ich es nicht weiß, muss ich halt glauben, was ich bei anderen nicht ganz vollständig ausgebildeten Autoren lese und mache es dann einfach nach – das ist wie bei brauchen ohne zu, „das macht keinen Sinn“ oder „schuld sein“ – auch alles falsch

Beweisstück B – Gegenbeispiele

Jetzt fiel mir aber ein, dass für solche Fälle natürlich die linguistische Gegenbeweisführung viel zu hochtrabend, viel zu wenig massentauglich ist. Bildung ist eben kein Massenphänomen. Und bevor man dem gehobenen Texter- und Linguisten-Zeigefinger glaubt, glaubt man vielleicht eher simplen Gegenbeispielen. Worte, die nicht einfach, einer pseudo-phonologischen Regel nach verstümmelt wurden – aber warum denn nicht? Da spricht man doch auch nicht alles aus:

  • selbstverständlich = selbverständlich
  • Kunststoff = Kunstoff
  • Kunststück = Kunstück
  • Gaststätte = Gastätte
  • Leuchtturm = Leuchturm
  • Nachttischlampe = Nachtischlampe
  • Nagellack = Nagelack
  • Handzeichen = Hanzeichen
  • Handtuch = Hantuch

Auf zum fröhlichen Lexeme-Verstümmeln

Ja, warum werden diese und weitere Wörter nicht einfach auch verstümmelt? So wird dann aus dem Nagellack der Lack, den ein Biber zum Nagen braucht, oder die Nachttischlampe zur Lampe, die meinen Pudding illuminiert. Ja, solche Verstümmelungen können sogar Bedeutungsdistinktiv sein, aber bei selbständig und Selbständigkeit ist das ja nicht so. Das wird einfach nur so geschrieben, weil ich das ja so ausspreche. Tja, aber wieso schreiben wir dann nicht Kind, Wind, Hand oder Hund mit T? Wird doch so ausgesprochen…

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