„So, ne?“ – die neuen Sprachneurosen

Den Partikel ’ne‘ kennt man ja, wenn man sowas sagen will wie ’nicht wahr?‘. Dann erscheint er am Satzende und verlangt in der Kommunikationskonvention eigentlich nach einer Antwort. Das neue ’ne?‘, über das ich mich schon voriges Jahr gewundert hatte, findet sich aber am Satzanfang und in der Mitte wieder und verlangt keinerleit Antwort, sondern ruft in mir ehrlich gesagt nur Verwunderung hervor.

Gleiches gilt für ’so!‘, auch so ein Wort, das eine neue Persönlichkeit in sich entdeckt. Da habe ich etwas überlegen müssen, was es jetzt eigentlich für eine neue Persönlichkeit entwickelt hat. Was ist diese Persönlichkeit rund um die halben Wortneuschöpfungen und was wollen die Emittenten den Rezipienten damit sagen?

Worte, die neue Persönlichkeiten entwickeln

Plakatives Bild mit leicht weit hergeholtem Bezug zum Beitrag – mein (c)

Sprachliche Einheiten wie ’so!‘ und ’ne?‘ sind ja nicht neu. Man kennt sie schon, man benutzte sie schon lange, aber plötzlich scheinen sie eine neue Bedeutung oder wenigstens eine neue Verwendung gefunden zu haben. Es sind also in diesen Fall keine Neologismen, also Wortneuschöpfungen, sondern, ne?, es handelt sich um eine semantische Erweiterung – die Wörter erlangen also eine zusätzliche Bedeutungsebene. Zumindest im Falle ’so!‘ ist das so.

Was bedeuten ’so!‘ & ’ne?‘

Denn ’ne?‘ hat im Prinzip keine neue Bedeutung hinzugewonnen, es bedeutet immer noch so etwas wie ’nicht wahr?‘, es ist aber jetzt funky, es einfach mal in die satzinitiale, bzw. satzmediale Stellung zu bringen. Die Bedeutung ist dieselbe, es schwingt aber hier eine gewisse – vielleicht noch nicht ganz bestätigte – Hipness mit.
Eine Hipness, die sich nicht jedem ganz erschließen mag. So! Und damit zur anderen Sprachneurose, dem neuen ‚So!‘, das gegenüber dem ‚Ne?‘ eine neue Bedeutungsebene für sich erschließen konnte. So kann vieles bedeuten, aber vorher war noch nicht die Bedeutung dabei, wie sie sich durch die aktuelle Verwendung des Wortes ergibt. Denn ’so!‘ wird nun im Dialog verwendet, wenn ein Sprecher A eine These aufstellt und diese von Sprecher B unterstützt wird. Beispiel:

  • Sprecher A: „Ich bin zurecht schon seit 20 Jahren arbeitsunfähig.“
  • Sprecher B: „Mit einem eingerissenen Fußnagel geht das ja auch nicht.“
  • Sprecher A: „So!“

Das Wörtchen ’so!‘ übernimmt also einen semantischen Wert wie zum Beispiel ‚eben‘, ‚ganz genau‘ oder ’sag‘ ich doch‘. Durch die Verwendung von ’so!‘ in diesem Kontext schwingt aber auch hier eine gewisse Soziolektik mit. Und das ist auch typisch für solche Sprachneurosen, die man von anderen Sprechern übernimmt, weil man sie unterbewusst für erstrebenswert hält.

  • Sprecher A: „Irgendwann, ne?, aus irgendeinem Milieu herausgeholt, verbreitet sich so ein sprachliches Phänomen wie eine Influenza über die halbe Bevölkerung.“
  • Sprecher B: „Besser ’so!‘, als durch Individualität auffallen!“
  • Sprecher A: „‚So!'“

 

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