Warum sprechen alle Dummdeutsch?

Es sind die nachhaltigen Lösungen, die Okays und die Absoluts in der Business-Sprache. In der Werbesprache sind es erleben, entdecken oder jetzt, neu und sichern, die mir immer wieder allzu sehr aus dem normalen deutschen Sprachgebrauch herausstichen und damit meinen Ohren kleine Schmerzen bereitet. Schon im Artikel über seltsame Soziolekte habe ich mich über die Seichtigkeit des Sprechens in einigen Bereichen der Gesellschaft gewundert. Jetzt habe ich eine plausible Erklärung für derartige Phänomene des Deutschen entdeckt: Dummdeutsch.

Duden, Reclam, Wikipedia – Alle kennen Dummdeutsch

Mit gefällt das als Nomenklatur für diese Spracherscheinungen sehr gut, scheinen doch alle ihre Teilnehmer sich einer ganz exklusiven Gruppierung angehörig zu fühlen. Hip, aufstrebend, progressiv – Wie auch immer sie sich nennen würde, so exklusiv sind sie nicht, sie alle nehmen nur an einer neuen Welle sprachlicher Trends Teil. Man muss ihnen allen zu Gute halten, dass es auch im Sprachlichen Herdenverhalten gibt und das sie sich nur ganz menschlich verhalten, genau, wie schon viele Generationen vor ihnen. Das ist ja auch völlig „okay“, sonst könnte die historische Linguistik in der Ethymologie nicht so schöne „nachhaltige“ Arbeit leisten 🙂

Sogar in die Reclam-Druckereien hat die zweifelhafte Faszination des Dummdeutsches geschafft:

„Dummdeutsch“, das meint eine Emulsion aus vor allem Werbe- und Kommerzdeutsch, aus altem Feuilleton- und neuem Professorendeutsch (und umgekehrt), aus dem Deutsch der sogenannten Psychoszene und dem einer neuen Innerlichkeit, aus eher handfest-törichtem Presse- und Mediendeutsch, aus Sport- und Bürokratendeutsch; mit einer schmächtigen Auswahl wird der US-Import berücksichtigt; und in kleinen Dosen kamen auch immer mal Infiltrate aus der vormaligen DDR zu dieser ebenso polykausalen wie polyvalenten und nicht zuletzt fast immer so oder so wichtigmacherischen Brühe. Eckhard Henscheid, Carl Lierow, Elsemarie Maletzke, Chlodwig Poth: Dummdeutsch. Frankfurt am Main 1985.

Herrlich, wie ich finde! Da gibt es gleich mehrere Stellen, an denen ich sehr beipgflichtend nicken muss, nahezu hoffnungsvoll, dass irgendeinen der Betroffenen die Worte für sich als „Lösung“ „entdecken“ möge. Dieser würde dann die Nachricht in seine recht beeinflussbare Sprechergruppe hinaustragen und sie alle „nachhaltig“ heilen.

Dummdeutsch gibt’s schon sehr lange

Aber diese romantische Vorstellung ist nicht realisierbar, denn den Sprechern der oben beschriebenen Spracherscheinung ist auch eine gewisse Beratungsresistenz zu eigen. Die starre Begeisterung an der modernen Sprechweise ändert sich erst wieder mit dem nächsten Trend – ist ja unschwer daran zu erkennen, dass das Zitat aus einem Buch von 1985 stammt. Das heißt, den Trend wird es immer geben, nur immer wieder mit anderen Vokabeln befüllt.

Eine wissenschaftliche, „nachhaltige“ Ergründung diese soziolinguistischen Phänomene würde den Rahmen eines Blogs doch sprengen. Interessant kann sein, wann und woher die nächste Welle dummdeutscher Vokabeln unsere Sprache erreichen. Bin ich gespannt? „Absolut“!

Hier geht’s zur Liste mit dummdeutschen Vokalbeln

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