Burnout: Das will ich auch!

Neulich beim Arzt: Guten Tag, einmal Burnout, bitte!

Burnout, ein Thema, dass momentan nur von wenigen anderen Themen aus den Medien verdrängt werden kann. Burnout ist präsent, immer mehr reden darüber weil immer mehr sich bekennen. So wird ein einstiges Tabu-Thema zum Trend, auch für diejenigen, die etwas dagegen tun. So berichtet Spiegel Online in einem aktuellen Bericht über Burnout-Kliniken von einer Institution, die Heilung für Manager-Typen und Alphatiere verspricht. Kassenpatienten gesellen sich am Chiemsee zusammen, genießen die Landschaft, Einzel- und Gruppengespräche, sowie Gourmet-Küche. Da stelle ich mir zwei Fragen: Ist Burnout nur für Alphatiere oder darf ich als Texter auch Burnout haben? Und wenn ja, kann ich mir die Genesung überhaupt leisten?

Herrlich ist es sicherlich, am Chiemsee. Der Artikel bei „SPON“ beschreibt in einem Teilzitat, wie ein Patient die Gegend empfindet, allein das Lesen dieser poetischen Worte weckt in mir Wohlbefinden, so als sähe man bei einer Rückenmassage zu. Massagen bekommt man in der Klinik „Chiemseeblick“ bestimmt auch, ebenso wie die Kombination aus Verhaltens- und Psychoanalyse, plus Sportprogramm. Dazu hat die Klinik eine erlesene Mannschaft aus Gourmet-Köchen eingestellt, wer einmal im Pflegedienst war, dessen Bewerbung pflegt man hier abzukochen.

Burnout ist repräsentativer als Depression

Am Chiemsee versammeln sich die Manager und Macher, denn die sind es, die Burnout haben, solche, die sich ihren Zusammenbruch erarbeitet haben. Eine Krankheit, auf die man stolz sein kann, die beweist, wie sehr das Alphatier sich für das Rudel seiner Mitarbeiter tagtäglich aufgeopfert hat und es gegen feindliche Übernahmen verteidigt hat. WOW, Außenwirkung ist alles. Die Frage ist, wie sehr kann man sich das Scheitern, das die Krankheit ja verursacht und bedingt, zugestehen, wenn man in ein Rudel voller Alphatiere gesteckt wird?

Ich habe Burnout, die kernige Krankheit mit dem Power-Siegel, Depressive sind Weicheier.

Und was ist nun mit mir, wenn ich Burnout bekomme? Darf ich das? Ich als Nicht-Manager, als Home-Officer ohne den Stress einer Firmenhierarchie – Bin ich ein Omegatier? Neben all dem, was ich nicht bin, bin ich dagegen Manager meines eigenen Erfolgs, selbst und ständig, wie man unter meinesgleichen so schön sagt. Auch ich habe Stress in Ermangelung eines sicheren Gehaltschecks, der jeden Monat kommt. Ach ja, was ich außerdem nicht habe: Kündigungsschutz, Sekretärin, Firmenwagen, Mehrfliegermeilen, 30 Tage Urlaub im Jahr. Doch wir alle haben uns das selber ausgesucht, ich der Texter, die da unten sind am Chiemsee, die ausgebrannten Helden.

Der Alpha-Tier-Gipfel – Klagen auf hohem Niveau

Die Klinik bei den Bergen macht es sicherlich richtig, denn mit der Ruhe kommt die Kraft ja wirklich, dass Schema kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch gutes Essen macht glücklich und Sport macht fit und sorgt für einen gehobenen Endorphinaustoß. Was mir bei der ganzen Berichterstattung nicht gefällt, ist diese mediale Seichtigkeit, mit der immer hingenommen wird, was das Phänomen Burnout außen vor lässt: Liebe Medien-Schaffende, was ist Burnout denn nun? Stempel für  Depressive in Führungsposition? Ist es eine Trend-Krankheit, wie ADS? Darf ich es auch haben? Und: Was ist mit den anderen Helden des Alltags, Polizisten, Krankenschwestern, alleinerziehende Mütter, ehrenamtliche Helfer und die ganze restliche „Basis“? Eine 30-Millionen-Euro-Klinik für Manager. Naja, das ist immerhin Klagen auf hohem Niveau, aber bitte noch etwas nach-recherchieren.

 

 

 

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