Selbständigkeit vs. Selbstständigkeit

Selbständigkeit – Ein Fall aus dem Verfall der deutschen Sprache

Neulich flatterte mir ein Magazin mit dem Thema Steuern ins Haus. Ich bekam es wohl, da ich als mein nunmehr eigener Steuerberater treuer Kunde einschlägiger Software bin. Normalerweise schmeiße ich solche ungefragte Prosa grundsätzlich und ungelesen weg. Doch ich dachte, in diesem Themenzusammenhang kann ein Blick nicht schaden. Bis ich das las: „Selbständigkeit“.

Selbständigkeit ist eine lexikalische Fehlbildung

Diese Chimäre aus gut gemeinter Verstümmelung und schlecht gemachter Reform ist mir ein rotes Tuch. „Selbständigkeit“ steht in diesem Artikel stellvertretend für andere lexikalische Fehlbildungen, die ich an dieser Stelle keinerlei Erwähnung würdigen werde. Keines Blickes mehr jedenfalls würdigte ich das Steuermagazin, als ich im Inhaltsverzeichnis die „Selbständigkeit“ las. Sofort zugeklappt und tief im Papiermüll vegraben.

Warum ‚Selbständigkeit‘ ungültig ist

Es ist im Prinzip ganz einfach: Wenn ich der Selbstständigkeit ihr ’st“ nehme, ist sie einfach kein korrektes Lexem mehr. ’st‘ ist kein Fugen-S, wie es ja bei Neologismen wie dem schrecklichen „Arbeit suchend“ so fleißig diskriminiert wird.
Gehen wir nämlich auf morphologischer Ebene in das Wort Selbstständigkeit hinein, so sehen wir:

selbst + Ständigkeit / selbst + ständig

Morphologische Herleitung – selbst + ständig

Reduzieren wir die Derivation Selbstständigkeit auf ihren Kern, erhalten wir selbstständig. Dieser wiederum ist Ergebnis einer Komposition, bestehend aus selbst und ständig. Wiederum zwei – ja – selbstständige Entitäten des Lexem-Inventars im Deutschen. „Selbständigkeit“ verstümmelt „selbst“ und ist daher nicht gültig.

Semantische Herleitung – selbst einen Stand haben

Semantisch bedeutet Selbstständigkeit, dass jemand oder etwas in der Lage ist, selbst zu stehen, bzw. Stand zu halten.
Da ist es schon, das Wort Stand, im geschäftlichen Kontext, wie auch im ethymologischen ganz essentiell für die Selbstständigkeit. Denn Im Kontext Wirtschaft, Handel oder Arbeit hat das Wort die Bedeutung des eigenen Standes, als des eigenen Geschäftes.

Selbständigkeit ist bewusste Falschaussage

Vor Gericht ist sie strafbar, in einem Steuermagazin ist es sicherlich nicht ganz so streng zu sehen. Aber dennoch: Das Wort „Selbständigkeit“ bedeutet nicht das, was die Emittenten damit sagen wollen. Warum? Dazu zerlegen wir auch dieses Wort in seine Morpheme:

a) selb + Ständigkeit

oder ist es vielleicht doch

b) selbst + Ändigkeit?

Was bedeutet Selbständigkeit wirklich?

Hier verdeutlicht sich schon das Dilemma: Wo zieht man hier die morphologische Grenze? Gestehen wir den Wortschöpfern mal Variante a) zu, fragen sie aber dann, wie dieses Wort den oben bereits beschriebenen semantischen Wert der wahren Selbstständigkeit erreichen soll.
Denn „Selbständigkeit“ bedeutet – wenn man ihm überhaupt so etwas wie Semantik zusprechen möchte – etwas in Richtung dasselbe. Es gibt durchaus unproduktive Morpheme, „selb“ wäre wohl so eines. In einem Versuch, ein Morphem „selb“ semantisch einzuordnen, hätte dieses wohl einen relativierenden und keinen nominalisierenden Effekt auf das Kompositum als Ganzes.

Was ist mit Selbststudium?

Mehr Ideen zur Wortverstümmelung:

  • Selbvertrauen
  • Selbbewusst
  • selbverständlich

oder liegt es an den homogenen aufeinanderfolgenden Morphemen? Warum gibt es dann

  • Kleininvestoren?
  • Großostheim?
  • eigengenutzte Immobilien?
  • Feststellung?
  • Selbststudium?
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